SESAM010-Workshop in Insterburg

Auf den Seiten des Forschungsinstitutes für Geschichte und Theorie der Architektur und des Städtebaues der russischen Bauakademie erinnert sich eine Mitarbeiterin, Frau Dr. Irina Belintzewa, an den August-2010-SESAM-Treffen zu Insterburg.
Leider ist auf den Institutsseiten die nicht korrigierte Textfassung zum Abdruck gekommen, wir hingegen zeigen eine Endfassung des Beitrages.

Hinter dem Namen SESAM verbirgt sich die kleinere Regionalversion der großen Versammlungen der Europäischen Vereinigung der Architektur-Studenten (European Architecture Students Assembly, EASA). Diese ist eine internationale, unabhängige und politikfreie Gründung der Architekturstudenten, seit 1981 in verschiedenen Teilen Europas abgehalten. SESAM seinerseits findet seit 1991 in verschiedenen Ländern statt, zum Teil mehrfach im Jahr. Die Teilnehmerzahl schwankt zwichen 40 und 100 Studenten. Sie kommen zusammen zu den Fachexkursionen, Vorträgen und Seminaren, zuvorderst aber, um eigene kreative Planungen aufzustellen, zu debattieren, und der Öffentlichkeit zu zeigen — all dies fand Ende August und Anfang September 2010 beim Insterburger SESAM-Treffen statt. Eist eine der bedeutendsten Zentren Ostpreußens, gehört die Stadt heute zur Region Kaliningrad der Russischen Föderation.

Doch SESAM010 zu Insterburg war mehr als nur ein EASA-Projekt: die Veranstaltung war ein Teil des mehrjährigen internationalen Kulturprogramms „insterJAHR“, im Frühjahr 2010 begonnen.

Jenes „insterJAHR“ist acht Leute Kind: der Bürgeraktiven, der Stadtbeamten und der externen Fachleute. Ihr Hauptziel ist die Findung der Prinzipien der Raumgestaltung, der Harmonisierung einzelner Vauten, wie sie seit Jahrhunderten angewandt und unserer Tage vergessen sind, sowie auch die Ausarbeitung der Angehendweisen für diese zu findenden Grundsätze.

In den 20er Jahren arbeitete über 20. Architekturbüros in Insterburg, es gab einen „Verein für anständige Architektur“, hier begann der berühmte deutsche Architekt Hans Scharoun seine schöpferische Tätigkeit, ein Vertreter der „organhaften Architektur“. Die erhaltenen Häuser der Bunten Reihe wurden von ihm in den 1920-ern erbaut und stellen jetzt einen besonders Stolz auf lokaler Experten und Heimatforscher dar. Die angehenden Architekten aus Kasan (Lehrstuhl W. Chamitow), die ihr Praktikum hier zugebracht, sind bereits Messungen durchgeführt und die Restaurierung dieser Gebäude vorbereitet.

Heute stellt sich Insterburg, einen bedeutenden Teil seiner deutschen Aktbauten eingebüßt, als eine Kombination mehrerer Architektur- und Geschichts-Schichten dar: neben den Ruinen der mittelalterlichen Ordensburg und den zahlreichen Denkmälern der Gründerzeit und des beginnenden 20. Jahrhunderts stehen die sowjetischen Fünfgeschosser und neben diesen — die nagelneuen Bauten der letzten Jahre. Die städtische Gesamtstruktur zerfalle in lose Fragmente, mitinander kaum verknüpft, weder räumlich noch historisch: Insterburg stehe als eine Sammlung loser Objekte da, darunter eigenwillige Villen und öffentliche Bauten deutscher Zeit, daneben Typenwohnhäuser und Typenläden der zweiten Hälfte des 20. Jahhunderts, oder gar des angehenden 21. Jahrhunderts. Positiv anzumerken ist der Fortbestand der Planungsstruktur der Stadt, ihr Netz von kopfsteingepflasterten Straßen hat seit dem Zweiten Weltkrieg keine wesentlichen Veränderungen erfahren. Dies kann für due Erneuerung der Stadt von Bedeutung werden.

Das komplexe heterogene Gefüge der Stadt verlangt nach sorgfältigem Umgang „nicht von der Stange“, nach innovativen Vorschläge, wie dieses wieder vereint werden soll — und es war eben diese Aufgabe, die vor den Teilnehmern des SESAM010 stand, den Studenten und jungen Architekten aus mehreren Städten Rußlands (Moskau, St. Petersburg, Nischni Nowgorod, Wladimir und Kasan waren darunter), aber auch aus Frankreich, Polen, Ungarn, Georgien, Armenien, usw. Die Zeit des Treffens wurden zum regen Austausch von Ideen zwischen jungen Architekten aus verschiedenen Ländern benutzt. „insterJAHR“ belebte die Zusammenarbeit auch interdisziplinär, zwischen den Architekten, den Heimatkundlern, den Historikern, Kunsthistorikern und einfachen Bürgern: über 50 von ihnen nahmen allein an der lebhaften SESAM010-Arbeit teil, auch als Mit-Organisatore, Co-Kuratore, Vortragende. Den Gästen standen die Gastgeber stets zur Seite, wobei die gemeinnützige Stiftung „Dom-Samok“ besonders zu erwähnen wäre.

Ferner ist die große Aufbauleistung der Kuratoren zu unterstreichen, von Paul Prischin, Olga Maximowa und anderen. Sie erstellten eine wohldurchdachte Kette von Vorvereitungsschritten und Ablaufpunkten für die Seminare, darunter auch die Studienreise durch die polnischen Städte West- und Ostpreußens. Dort findet sich gleich wertvolles Bauerbe und auch die Probleme der Restaurierung der historischen Stadtumwelt sind mit jenen Insterburgs vergleichbar. So haben die Teilnehmer berühmte Städte und Festungen besucht, auf die die polnischen Restauratore ganz besonders stolz seien: Danzig, Marienburg, Heilsberg und andere. Einführungsvorträge wurden von Irina Belintzewa gehalten, Doktorin der Kunstwissenschaft, leitender Forscherin des NIITIAG der Architekturakademie.

Besonderen Augenmerk legte man aufs Stadtzentrum von Elblag, Ende des 20. – Anfang des 21. Jahrhunderts auf den Grundmauern der im Zweiten Weltkrieges zerstörten deutschen Stadt errichtet. Seine Bebauung wurde von den jungen Fachleuten kontrovers debattiert und bewertet. Ungeteilt romantisches Interesse der Teilnehmer wurde dem Freilichtmuseum am Hexenberg nahe der Kleinstadt Hohenstein zuteil. Diese Bauernhäuser der 18.-19. Jahrhunderts sind vom bekannten deutschen Denkmalpfleger des frühen 20. Jahrhunderts, R. Dethleffsen, von 1909 im Königsberger Zoo gezeigt worden. In 1937 verbrachte man sie hierhin. Die vielen Häuser sind bis heute erhalten, um neue Akquisitionen ergänzt und bilden heute einen Parkmuseum der Volksarchitektur und Ethnographie. Enttäuschend hingegen die bald darauf gesehenen Ausläufer der Industriestadt Allenstein, des Geburtsortes des berühmten Architekten E. Mendelsohn. Beim fröhlichen Abendrundgang durch die geschichtliche Innenstadt, die ihren alten Charme bewahrt, hellte sich der erste unangenehme Eindruck etwas auf.

Das Kennenlernen der Nchbarserfahrungen am selben Thema war sicherlich von Bedeutung für die nachmalige Arbeit des Seminars. Man war bestärkt im eigenen Optimismus und der Möglichkeit, mittels Architektur die verlorene oder beschädigte Stadtsubstanz Insterburgs wiederherzustellen.

Die Arbeiten des SESAM010 fanden auf dem Gelände des Geschichts- und Kulturdenkmal ersten Ranges, der Insterburger Burg statt. Seit 13 Jahren schon dienen die Ruinen der deutschen Ordensburg aus dem 14. Jahrhundert der Bildungs-, Geschichts- und Kunstarbeit einer Gruppe von Enthusiasten. In der gemeinnützigen Stiftung „Dom-Samok“ vereint, haben sie seit 2003 das Nutzungsrecht in der Denkmalsburg. Im Jahre 2006 wurde sie ins Bundesprogramm „Kultur Rußlands“ aufgenommen, und 2008 erfolgten die ersten Sicherungsarbeiten.

Heute finden auf dem Burghof verschiedene Schauen statt, meist der Ortsgeschichte gewidmet oder diese künstlerisch interpretierend — Ende August bis Anfang September 2010 bevölkerten junge Architekten dies historische Terrain, die es unter dem Stichwort «Gestörte Stadt» kritisch unter die Lupe nahmen. Die stimmungsvollen Ruinenmauern förderten den kreativen und persönlichen Umgang der Teilnehmer, untergebracht wurden sie in der von der Stadtverwaltung gestellten Aula des Jugendtreffs und im Studentenheim.

Die Seminare sollten analytisch wie praktisch sein.
So hatte z.B. der Kurator des Themas «Umwelt als Kontext» Oscar Madera mit seinen Mitstreitern W. Gomosow, E. Maleewa, M. Walüschenitsch, I. Saminskaja die Idee, die Autoren der jeweils nächsten Bauschicht der Stadt stets die Arbeiten ihrer Vorgänger mit berücksichtigten und in ihren Bauten die eigene Haltung zu ihnen in verschiedenen Formen ausprägten, ob als Ablehung, als Desintresse, als Dekonstruktion oder als Fortsetzung. In der Vorkriegszeit soll die letztere dominiert haben, während die Sowjetzeit bewußt den Mantel des Vergessens darüber legte.

Im Theorieworkshop von „РњРђР  Studio“ (M. Polewa, S. Pomelow, V. Domnenko) ging es um die Stadterneuerung, und die Zeile, anders als beim Vorigen, waren klar und maximalistisch gesetzt: „Erstellen eines neuen Masterplans auf der Grundlage des erarbeiteten Szenarios des städtischen Lebens. Schaffung eines Netzes von öffentlichen Räumen, eines einfachen und klaren Navigationssystems in der Stadt, von Verkehrs- und Fußgänger-Verknüpfungen, Erneuerung der heruntergekommenen Stadtteile, Entwicklung von Bauregeln.“ Das gezeigte Ergebnis entsprach dem durchaus, ohne allerdings durch Neuheit zu brillieren.

Im anderen Praxis-Workshop (O. Akimenko, A. Gritschschchenko, A. Serdük u.a.) sah man die Aufgabe darin, für Insterburg erkennbare Ortsmarken zu schaffen, Kleinarchitekturen, die Leben in einzelne Nachbarschaften einhauchen, positive Impulse in der auslaufenden Stadtlandshaft setzen. Die Teilnehmer schlugen inretessante Lösungen für zeichnerische Ortssymbole, Hinweisschilder und anderes vor. Eigenhändig bauten sie zwei Kinderspielplätze, den Leerraum zwischen den Häusern neuartig füllend.

Der interessierten Bürgerschaft und der Stadtverwaltung wurden die Entdeckungen, Forschung und Arbeiten von SESAM010 am 3. September 2010 im Konferenzsaal der Burg Insterburg präsentiert.

Dauerhaft sind die SESAM010-Arbeiten hier auf den Webseiten und in der Burg zu sehen.

Комментарии

Administrator 24.10.2010 в 00:28

NIITIAG-Text berichtigt

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