Denkmalschutz wozu?

Warum beschäftigen wir uns überhaupt mit dem Altbaubestand? — Überlegungen von D.B. Suchin zum Abschluß der Projektwerkstätten der Bau-Universität Kasan. In Auszügen.

Der Bauträger weiß von alleine besser, wo und wie umzubauen, ganz und gar abzureissen sei. Alte Klamotten sind für ihm reine Geldverschwendung, sub-standard und unbequem, voller Lecks und Rohrknie. Dem LDA und seinen Aktivisten sind unsere durchdachteste Erfindungen bestenfalls Barbarei. Denen nach wäre es besser, alles nach Gießkannenprinzip mit Geld zu überziehen und danach nicht weiter anzutasten: Geldscheine heilen? Kollegen wiederum streiten um Kommata: ist „Restaurierung“ richtiger als „Rekonstruktion“? Oder gibt es was drittes? Vor einem verschließt man die Augen, vor anderem, artgleichen ist man dagegen empört…
Hierzu die aktuelle Presse:

„…Sanierung merzte Vergangenheitszeugnisse aus. Von einer echten, wissenschaftlich vollwertigen Restaurierung kann keine Rede sein.“ Hier ist der Sanierer, ob Bauträger oder der Nutzer in der Schuld.
„…des Restaurators kalte gnadenlose Hand waltet, ein lebendiger und einmaliger Bau-Organismus wird zu einer gewöhnlichen Touristenattraktion.“ Hier, des Architekten, Restaurator oder gar des Stadtplaners Schuld.
„…Die Rathaus-Pressestelle berichtete, das Denkmal sei äußerlich restauriert und sehe aus wie neu.“ Sieht jemand den Widerspruch? – Die Pressestelle wohl nicht.
„…im Hörsaal der Allrussischen Geographischen Gesellschaft saß man zur Restaurierung des Sucharew-Turms zu Moskau zu Rate.“ Eine Expertentagung. Zur Restaurierung. Eines seit fast schon 100 Jahren abgängigen Turms, nichteinmal seiner Ruinen.

Hier die Grotten der Großen Kaskade von Peterhof. Vom polnischen PPKZ in Beton nachgegossen und allen Seiten abgenommen. Dort, die Schachbrett-Kaskade, wenige Meter weiter, von russischen Restaurator- und Bauformen genauso nachgegossen – und allgemein verdammt.
Hier, die Holzkirche in Kischi und die andere in Neu-Jerusalem, neuerdings mit einem Metallgerüst versehen – gilt den Puristen als eine Fälschung. Dort, die Glockenkuppel der Dresdner Frauenkirche, aus Steinen, teilweise gar aus originalen Steinen, aber konstruktiv ausgebessert. Genauso unsichtbar und ohne Beanstandungen.
Hier, der Zarizyno-Palast in Moskau – dort, der Katharinenpalast in Zarskoje Selo. Was unterscheidet sie?
Hier reißt die Moskauer Stadtduma die Hinterflügel des Katharinenkrankenhauses ab – wir verurteilen dies. Dort reißt das Utrechter Rathaus seine Flügel ab – wir loben es.

Mit welcherlei Maß will man ermessen, was richtig und was falsch, was verhandelbar sei und was ein heiliges Tabu?
Wie überzeugt man einen Bauträger vom eigenen Entwurf, ohne mit dem Paragraphen zu drohen und ohne sich dem Verdacht auszusetzen, man wollte sich selbst ein Denkmal setzen, und das auf des Bauträgers Kosten?
Wie den Bürger überzeugen, daß seine Interessen auch unere sind?
Was sind eigentlich diese „unsere Interessen“? Man möchte hoffen, es ist ein Interesse an der Arbeit am baulichen Erbe, zum Wohle des Einzelnen wie der Allgemeinheit. Haben wir tief im Inneren nicht alle diesen gemeinsamen Nenner? So tief allerdings, daß wir, wenn einmal gefragt, diesen nicht in griffige Wörter zu setzen wissen. So tief, daß uns im Augenblick der Not die überzeugenden Wörter fehlen.


…Wenn wir uns allein vom der sichtbaren Erscheinung leiten lassen und die Originalsubstanz mit allergrößter Pietät anfassen, laufen wir dennoch Gefahr, unser Denkmal auszuhöhlen. Uns heutigen erscheint dies wertvoll – uns morgigen aber etwas ganz anderes, gerade das, was wir zuvor geopfert. Schon fehlt dem Bau ein Parameter, der dem Betrachter die Zugänglichkeit hätte sichern können. Ohne Zugang keine Wertschätzung, ohne diese naht der Abriß.
Las wer Ruskins „Die sieben Leuchter der Baukunst“? Darin wäre eine passende Passage: „Man wende sich [beim Dekorieren eines Domes] an den besten Bildhauer der Zeit, bestelle eine einzige Statue und lasse alle anderen Nischen leer“ – als Einladung an die kommenden Generationen, es genauso zu tun und die Nischen nach und nach zu füllen, sich auf diese Weise stets aufs Neue mit der besagten Kathedrale auseinandersetzend. Auch um Geld zu sparen. „Die Förderung des Unvollendeten“ fand Syring für seine Erläuterung der Entwurfsprinzipien Scharouns und seiner Bauten Attraktivität. Schichtungen wußte Foster zu begrüßen und auch Miralles, der letzterer sogar besser als der ersterer. Sein Bau verwendet die herausgebrochenen Teile an der anderen Stelle wieder. Beide brachten Neues ein, doch so, daß es wieder entfernt oder ergänzt werden könne.

Konsequenzen ergeben sich überall. Nehmen wir die Meisterhäuser des Bauhaus, neuerdings in aller Sorgfalt herauspoliert. Schön anzusehen ohne Zweifel. Doch was denkt daran ein Otto-Normalstudent oder ein aufgeklärter Bauherr? – „sieh an, welch´ ein Haus, seine 100 Jahre sind ihm nicht anzumerken. So und nicht anders will ich bauen!“ Daß man in jenem Haus seinerzeit erbärmlich fror und die Dächer nicht zu dichten waren, erfährt der eine wie der andere nicht. Daß aus jenen Fehlern unsere Baumaterialkunde und die Technik wuchsen, weiß nur der, der sich im Verborgenen an den Klassisch-Modernen abmühte und an den bald schon keiner denken wird.

Re-staurierung kann nur wieder-herstellen. Etwas was schon ein Mal war, kein ungebautes. Den Einsteinturm hat man auch nicht abgetragen und endlich in Beton gegossen, so wie es Mendelsohn seinerzeit nicht gewagt — man ließ ihn mit chronisch abblätterndem Putz stehen.
Fehler-Korrektur sollte man ehrlich Weiter-Bau nennen und dazu stehen.
Nehmen wir wieder den Bauhaus vor. Keine leerstehende Museumswohnung, eine laufende Bildungsstätte. Menschen arbeiten darin. Der Architekt Brenne fand folglich für die berühmte Glaswand eine goldrichtige Lösung, verband die dämmende Mehrfachverglasung mit dünnen Sprossen Gropius´. Diesen bekümmerte seinerzeit der Kondensat-Ausfall nicht, doch ehren tuen wir ihn, nicht den Weiterbauer Brenne! An der Dresdner Frauenkirche ehren wir den Baer, auch wenn seine fehlerhafte Konstuktion am Gewölbeeinsturz erheblich mit beteiligt war.

Dieses Verschweigen wichtiger Umstände dem Bauherren, dem Mitbürger gegenüber ist unverständlich. Womöglich entwächst just diesem das eingangs erwähnte Problem.


Warum also sollten wir das Alte bewahren?
Des Anblicks wegen – der darin enthaltenen Erfahrung wegen – des Altern-Maßstabs wegen, der uns jung beläßt.
Der Dialogs wegen – der Stadtbürgers wegen – und des Baufortschritts.
Umweltverträglichkeit, Öko-Bauen, Emissionsfreiheit usw. gedeihen im Bestand mindestens genauso gut wie im Neubau. Gelingen sogar besser: jenes Grün muß im Neuen ersteinmal Wurzeln schlagen – im Bestand finden wir es bereits in voller Blüte vor. Die schädlichen Emissionen sind bereits emittiert und davon. Die Baukosten vor uns entstanden und abgeschrieben – man macht umgehend Gewinn!
Ein Kreislauf? Eher eine andere, mehrfach verschlungene sich selbst stützende Figur, in der ein jeder Träger und Getragener ist.

Kurzfristig würde ich vorschlagen:

  1. Statt einer „Liste zu schützender Elemente“ eines Baus, eine Negativliste einzuführen, eine Art Freigabebescheinigung für jene Teile, an denen man nicht hängt.
  2. Wörte wie „Restaurierung“ und „Rekonstruktion“, da parteiisch belegt, mit Interpretationen befleckt, aus dem Fach-Umgang gänzlich zu streichen. Laßt uns von „Methode 1“ und „Methode 2“ sprechen, bis die Verwirrung abstirbt.
  3. Gespräche, Dispute und auch Streit sind willkommen zu heißen, außer wenn es um spitzfindige Wortdeutungen geht. Laßt uns über „Gebäudepflege“ sprechen, über „Arbeit an der Geschichte“, über „Bewahrung“, „Erhaltung und Entwicklung des historischen Erbes“.

Jene „Restaurierung“ und „Rekonstruktion“ sind im Deutschen notabene kaum präsent. Viel häufiger trifft man auf „behutsame Erneuerung“, ein Terminus aus den 1980er Jahren. Warum wohl?

Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert