Reisebericht der Vorsitzenden der Eigentümergenossenschaft „Bunte Reihe“, Frau Olga Iwanowna Sidorenko. Teil 1.
Vor Kurzem nahm eine Gruppe aus Nordostpreußen an einer internationalen Konferenz in Amsterdam teil, zum Zwecke des Erfahrungsaustausches über die Restaurierung und den Wiederaufbau historischer Bauten in verschiedenen Ländern der Welt, sowie der diesbezüglichen Erfahrung der Zusammenarbeit der Ämter und der Öffentlichkeit. Zusammengerufen hat alle Teilnehmer die Firma „Stadherstel Amsterdam“, eine bekannte Größe im Besitz und Restaurierung von Altbauten; auf 55 Jahre Erfahrung blicke sie zurück.
Namhafte Architekten, Historiker und Restauratoren aus ganz Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien kamen in Amsterdam zusammen. Ich war auch als Vertreterin der Öffentlichkeit geladen, als Vorsitzende der Wohnungseigentümergenossenschaft im Geschichtsviertel „Bunte Reihe“ zu Insterburg (heitige Elevatoren- und Gagarinstraße): unsere Straße Elevatornaya wurde 1921 bis 1924 vom berühmten und europaweit geachteten Architekten Hans Scharoun erbaut worden. Mehr noch, diese Straßenbebauung, in diesem Jahr 90 Jahre alt, war der erste große Werk Scharouns. Eine Expertin in der Architektur oder der Restaurierung bin ich nicht, nachfolgendes sind nichts als meine Eindrücke von der Reise, der wunderbaren Ergebnisse erfolgter Restaurierungen auch an den Denkmälern, die buchstäblich aus den Ruinen wiederauferstanden, der schönsten Bauten und vom packenten Enthousiasmus der Pioniere der Restaurierung .
Symbolbeladen begann unsere Reise vor den Burgmauern Insterburgs, eines historischen Baudenkmal von Bundesrang. Mit im Bus — die tollen Jungs von der „Progressor“-Gruppe, mitsamt ihrem Lehrer vom Minsker Architektur-Institut, Herrn Georg Saborskij. Sie hatten es eilig, und wir halfen ihnen nach Powunden.
Innen einen guten Flug wünschend, steuerten wir die Kunstgalerie an, wo eine neue Ausgabe von „Project Baltia“ präsentiert wurde. Dieses zwiesprachige Fachblatt (russisch und englisch) wende sich an die Spezialisten und alle Interessierten in der Architektur und Gesataltung der Ostseeanreinern, Finnlands, und russischen Nordwesten. In der aktuellen Ausgabe sind einige Berichte und Bilder über Insterburg, so der inspirierend klingende „Insterburg, eine Kleinstadt von der gesamtstaatlichen Bedeutung“-Beitrag von Dimitri Suchin, ein Bericht vom SESAM-Treffen junger Architekten, ein weiteres über ein Projekt weißrussischer Studenten und Lehrer, die «Lokalisierung».
Auf meine Bitte hin legte unser Gruppenleiter Dimitri Suchin unseren Weg nach Amsterdam über Berlin: ich wollte eines der Berliner Stadtrandsiedlungen sehen, genauer die „Tuschlastensiedlung“, die bereits dem Namen nach mit unserer „Bunten Reihe“ verwandt zu sein scheint. Auch im Äußeren ist eine Ähnlichkeit nicht verkennbar: die gleichen zweistöckigen Häuser von ähnlicher Gestalt, hie wie da die Fenster mit kleinen Klappläden, die Dachgauben und die Schornsteine auf den Dächern, die akkuraten Aufgänge zu den Häusern, die blühenden Vorgärten.
Hie wie da die gleiche Straßenpflasterung und die plattenbelegten Bürgersteige.
Hinter den Häusern liegen kleine hergerichtete Gärten, jeder Mieter nennt ein kleines Stück Land sein eigen, proportional zur Wohnfläche.
Bereits der flüchtige Blick zeigt eine Menge Ähnlichkeiten zu meiner Elevatorenstraße, und auch die Architekten ähneln sich. Der Entwerfer dieser Siedlung war ein Gesinnungsgenosse unseren Scharouns, der Begründer des „Bunten Bauens“, Bruno Taut. Die Bauzeit der „Tuschkastensiedlung“ ist unserer „Bunten Reihe“ in etwa gleich, doch wie verschieden zeigen sie sich! Leider fällt der Vergleich nicht zu unsereren Gunsten aus.
Die Bewohner der Siedlung gehören einer Genossenschaft an, deren Hauptaufgabe es die Gebäudeunterhalt und Pflege seien. Der Unterschied zu unserer Genossenschaft der Wohnungseigentümer liege darin, daß hier alle Mieter seien, Mit-Besitzer vielleicht.
An einem der Häuser sahen wir eine Frau den Eingang ausfegen und baten darum, das Haus von innen zu sehen. Die Wirtin stimmte zu und ließ uns eintreten. Wir sagen ein Einfamilienhaus mit kleinen aber wohnfeilen Zimmern: im Erdgeschoß die Küche mit Eßraum, nach der zweiten Etage führe eine steile Treppe hinauf. Dort liegt ein Schlafzimmer und das Bad, noch weiter hinauf, unmittelbar unterm Dach — die Kinderstube. Alles ähnelt sehr unseren freistehenden Häusern in der Elevatorenstraße.
Nach dem Gang durch die Siedlung luden uns die Genossenschafts-Leiter in den Vereinsraum für eine Tasse Kaffee. Dort ging das Gespräch weiter.
Mich interessierte es, wie die Erneuerung der Siedlung vonstatten ging, und wer gab die Mittel — da zeigten uns die Gastgeber ein Album mit Schwarzweiß-Bildern von vor etwa zwanzig. Die Siedlung vor der Sanierung — eins zu eins wie unsere Straße heute, derselbe hinabfallende Putz, die abgetretenen Hauseingänge, die malträtierten Türen, die löchrigen Bürgersteige und schiefe Schindeln auf dem Dach. Mit dem Tiefbau war man vielleicht besser aufgestellt, denn anders als bei uns kam es dort den Bewohnern nicht in den Sinn, diesen für Kuh- und Schweinehaltung zu benutzen.
Heute blühe die herausgeputzte kleine Siedlung, die Vorstände zeigen sie mit Stolz den Gästen, und lassen sie aus ihrer Erfahrung lernen. So berichteten uns die Gastgeber, daß sich die Restaurierund und die Erneuerung nach der Wiedervereinigung ergab, als Häuser an ihre frühere Eigentümerin zurückgegeben wurden, die Genossenschaft, die im Westen weiter bestand. Doch etwa zehn Jahre müßten die Genossenschaftsleiter ihre Überzeugungsarbeit an den Mietern leisten, die Mitteln zusammentragen. Alleine hätten die Bewohner die Erneuerung nicht getragen, hier half der Genossenschaftsgedanke, der im Westen überdauerte. Ich müßte mit Wehmut an die Mitglieder meiner Genossenschaft, die Rentnerinnen mit karger Rente — zahlenmäßig sind sie bei uns in der Mehrheit! Und komme einmal unsere „Bunte Reihe“ in den staatlichen Programm der Wohnbausanierung, und bekomme gar Mittel nach dem Bundesgesetz №185, so wären sie alle in der Pflicht, 5% der Mittel für die Reparatur ihrer über 90 Jahre in Verfall gekommenen Wohnungen aufzubringen — wo nähmen sie dieser her? Sponsoren müßten gefunden werden…
Auf dem Rückwege aus der „Tuschkastensiedlung“ machten wir an der „Hufeisensiedlung“ Halt. Hier ist die Vorgeschichte interessant: der Architekt Bruno Taut errichtete sie um einen schönen tropfenförmigen Teich; aus dem umfassenden Wohnkomplex genieüen die Bewohner die Natur, ohne die eigenen vier Wände zu verlassen. Später kam dort eine kleine Erholungszone dazu. Heute werden am Teiche Sanierungsarbeiten durchgeführt und die Dränage erneuert; wir kamen mitten in die Bauphase hinein.
Der zweite Tag unseren Deutschlandaufenthaltes war dem Besuch des runden Lokomotivdepots gewidmet, einem einzigartigen Denkmal der Industriearchitektur aus der Hand des Baumeisters Schwedler. Der Bau liegt in Rummelsburg, am Rande Berlins. Nur einige wenige Beispiele dieser Anlagen gebe es auf der Welt, davon stehe eines in Insterburg, das sogenannte „Alte Depot“ oder der „Schwedler-Zirkel“.
Von der Geschichte, den Besonderheiten seiner Architektur und dem kommenden Schicksal des Rummelsburger Runddepots berichtete uns Herr W.Wolf — ein Bauingenieur und seines Zeichens Vorsitzender des Ausschusses für Denkmalschutz der Berliner Ingenieurkammer. Seine Geschichte war keine fröhliche: wie auch das unsere ist dieses Depot den heutigen Ansprüchen nicht gewachsen, stehe außer Betrieb und sei für den Abriß bestimmt. Eine ICE-Halle soll diesen Platz einnehmen. Hier hingegen haben wir einen besseren Stand; unser Zirkeldepot stehe zentral, anders als in Berlin; junge Architekten schlagen vor, ein Kulturzentrum aus ihm zu machen, mitsamt dem Konzertsaal, der Ausstellungshalle, der Schau moderner Kunst, der Malerei und Mode; ein Ort für Tanz und andere Jugendaktivitäten. Weißrussische Studenten haben bereits Entwürfe dazu .
Den Rest der Zeit nahm eine Buswanderung durch das Zentrum von Berlin: die meisten Berlinphotos machte ich vom Oberdeck des Stadtbusses.
Den Flugzeug knapp erwischend, flogen wir spät am Abend nach Amsterdam weiter.







