Ein Kenotaph für Frieda Jung und alle Insterburger, die ohne Grab geblieben sind

Der Wald des ehemaligen Neuen Friedhofs von Insterburg ist ein besonderer Ort. Durch eine Laune des Schicksals bewahrte er über die Jahre den Namen „Frida“; seine Alleen horten seltene Grün-Arten.

Bereits im insterJAHR-2010 ist hier beschlossen worden, ein Denkzeichen aufzustellen, etwa dort, wo einst die Grabstelle von Frida Jung war (genauere Zeichnungen des Neuen Friedhofs wurden im Projektjahr erst spät entdeckt). Schnell wuchs daraus der Gedanke, den Parkfriedhof mit einem Dichter-Grab zu einem Dichter-Park zu machen, doch wie stelle man so etwas an? Reicht es, einzelne Bereiche der Hugo-Kaufmann-Planung der Dichtkunst Deutschlands oder Rußlands zu widmen, wie es von mehreren Seminarteilnehmern getan?
1916 war die Anlage eines solchen Neuen Friedhofs sehr modern, in der Landschaftsplanung und in der Grabkunst – 2011 hätte die Baumschulen-Planung im Rahmen des Gouverneursprogramms der „60.000 Bäume“ in ihre Fußstapfen treten können. Dem Friedhof gegenüber, hinter dem Haus Gagarinstr. 40 war eines davon geplant – doch es blieb eine Idee.
Dann war da noch das Konzept eines Grabstein-Lapidariums, wo doch auf dem Gelände der Stadtreinigung gleich nebenan jene Steine nach dem Krieg zu Gehwegplatten u.a. umgearbeitet wurden – auch sie kam nicht durch.

Der nahende 90. Todestag von Frieda Jung im Jahr 2019 bietet die letzte Gelegenheit eines gemeinsamen Erinnerungsfestes der neuen wie der alten Insterburger. Kaum einer Alt-Insterburger wird zu ihrem 100. Todestag 2029 unter uns sein. Darum der kombinierte Ansatz: es muß ein Kenotaph werden, für Frieda Jung und für alle Stadtbewohner, deren Gräber nicht überdauert haben, unter Verwendung aufgefundener Grabplatten, auf daß daraus ein neues Ganze entstehe, wie dies für Insterburg so typisch sei. Eine solche Lösung wäre eine gute Grundlage eines Park, der in Nordost-Preußen seinesgleichen sucht.

Die Poesie-Park AG setzte sich folgende Rahmenbedingungen:

  • Das Denkzeichen ist vor Beginn der Sommersaison 2019 zu entwerfen und zu genehmigen. Seine Umsetzung hat mit Ortskräften zu erfolgen; Subbotniks sind denkbar genauso wie die offene Baustelle während der Saison, bei der die anreisenden Alt-Insterburger, die Praktikums-Studenten samt Betreuer und die Freiwilligen Hand anlegen dürfen. Bereits im unvollendeten Zustand muß das Zeichen vorzeigbar sein. Erdarbeiten sind zu minimieren oder noch vor Touristen-Anreise zu erledigen.
  • Das Denkzeichen hat leicht zu sein, idealerweise ganz auf Gründung verzichten: die Tragfähigkeit des Bodens im auf dem Friedhof zweifelhaft. Wasserundurchlässige Beläge, die einen geregelten Ablauf erfordern, sind auszuschließen.
  • Das Denkzeichen ist aus lokal verfügbaren günstigen Materialien zu fertigen, dauerhaft und zerstörungssicher. Dies kann auch durch leichte Wiederherstellbarkeit gewährleistet werden.
  • Das Denkzeichen darf die weitere Parkarbeit nicht behindern. Die bereits umgesetzten Maßnahmen wie neue Bänke und die sanierte Allee müssen sich in ihm wiederfinden. Die Pflanzen im Denkzeichen-Bereich sind nach Möglichkeit zu integrieren.
  • Das Denkzeichen soll zum Mitmachen einladen und zum Wiederkommen, auch wenn der momentane Zustand der Gesamtanlage zu Wünschen übrig läßt. Seine Anlage könnte die Initialzündung sein, weitere Teile des Wildparks zu sanieren.

Folgende Varianten zog man in Betracht:

  1. Ein Findling oder mehrere davon, mit eingemeißelter Inschrift oder einem aufgesetzten Relief
  2. Eine Stele mit Vorplatz
  3. Ein Neubau des ursprünglichen Frieda-Jung-Grabsteins
  4. Eine rein landschafts-architektonische Lösung.

Die weitere Diskussion zeigte Vor- und Nachteile jeder Variante:

  1. Gedenksteine sind bekannt, für Ännchen von Tarau oder für Peter den Großen. Das Motiv kann wiederholt werden, mit Einzelstein oder einer Steingruppe, die sich langsam im Dickicht verliert. Die Widmung eingemeißelt werden oder aufgesetzt sein, als Einzelbuchstaben oder eine Relief-Platte.
    Nachteilig ist die Notwendigkeit, jene Steine zu finden und hierhin zu verschaffen, sie bedürfen zwingend eines Fundaments und des schweren Geräts, nach dessen Einsatz das besagte Dickicht wiederherzustellen sei. Es stellt auch nichts Neues dar, es sei denn, Steine werden zum stadtweit eingesetzten Erinnerungsmotiv.
  2. Eine Stele bedarf eines ausgearbeiteten Entwurfs mitsamt allen Begründungen: aus welchem ​​Material wird zu bauen sein, wie zu dimensionieren, wie die Kosten zu tragen? Was wird mit der Umsetzung? Darf ein Frieda-Jung-Element größer oder breiter sein als eines für Puschkin, Twardowski oder Gumilöw, wenn sie hier einmal zu stehen kommen? Wie ordnet man die alten Grabsteine, damit sie zu eigener Geltung kommen; wie die Stele, damit sie vor lauter Bäumen nicht untergehe?
    Ein Entwurfswettbewerb allein verschlingt bis zu 6 Monate. Auch die Ausführung wird nicht schnell über die Bühne gehen. Die Anforderungen an das Fundament und die Standsicherheit werden hoch bis sehr hoch sein.
  3. Die Neuanlage des einstigen Blocks mit der Brachert-Maske bedarf eines gekonnten Bildhauers, denn die Abbildungen sind lückenhaft. Die erweiterte Widmung macht weitere Stelen erforderlich.
    Ihr Zusammenspiel kann durchaus reizend sein – aber auch zeitaufwendig. Fundament, Material und Etat wie vorhin.

Rechtlich gesehen sind alle diese 3 Varianten genehmigungspflichtig, wobei der Ausgang des Prozederes offen ist. Daher ist der 4. Variante Vorzug zu geben, ein Zeichen in Gestalt einer Allee oder einer Lichtung, denn hierbei wird rechtlich gesehen kein Denkmal erbaut, sondern eine Pflanzungen vorgenommen mit Wegebau. Das Dickicht vor Ort liefert das nötige Material. Die von Kaufmann gepflanzten Prachtbäume werden von störendem Totholz befreit und erstrahlen. Die Fundamente, falls notwendig, beschränken sich auf Einzelblöcke unter den Bänken. Die Wege mit versickerungsoffenem Belag können die sanierte Allee und die Zitaten-Bänke mit aufnehmen.

Nach Grundrißstudien ist es zudem gelungen, den Standort des Frieda-Jung-Grabes hinreichend genau zu bestimmen: es wird sich am Ende des für besondere Gräber gedachten Umfassungsgürtels des Friedhofs befunden haben. Durch ein Zufall führt die bereits begonnene West-Allee hier unmittelbar vorbei. Dort wird der beste Platz für ein Denkzeichen sein, wie auf dem Schema unterlegt.

Entwurfsbeschreibung
Fallholz und Totholz, moosüberwuchert und von Kletten mit Brennnesseln überwachsen, dazu die ausgehobenen Grablöcher und der Baumbestand – sie alle läßt der Entwurf sein und legt sich wie eine zusätzliche Schicht teppichartig darüber: Ein Pfad in die verwunschene Wildnis. Seinen Anfang nimmt er an der West-Allee, die zur Kamswyker Allee hin bereits neu ausgestreut wurde. Hier steht etwa an der Bank mit dem Zitat von Frieda Jung zweigt die neue Anlage ab, in enger Erinnerung an die Kaufmann-Planung. Statt wie bei ihm durch Blumenpflanungen, wird hier der Weg selbst farbenfroh, mit verschiedenfarbigen Holzshackseln ausgelegt. Ein Verweis an die nahen Häuser der „Bunten Reihe“ an das „Über-den-Regenbogen-Laufen“.
Die federnden Häcksel bedingen einen anderen Schritt, der Blick richtet sich nach unten – dort liegen im Gras die alten Grabplatten mit ihren halb abgegangenen Inschriften. Sie liegen an den Stellen, die einst für besondere Begräbnisse vorgesehen, denn sie sind etwas besonderes.

Zum Ziel kommt man nur über Zwischenstationen und muß hier und da Umwege laufen. Flankiert wird der Weg durch zwei Mäuerchen aus knorrigen Fallholz, durch den neues Laub sprießt (Kaufmann hatte lebende Spaliere). Den Anfang des Weges nehmen sie bald aus dem Blick, auch der umgebende Park wird durch sie „ausgeschaltet“, sodaß der Blick auf die Hacksel, die munter sprießenden Kletten und die in sie einsinkenden Tafeln fixiert bleibt, bis man zum Ende des Weges kommt.
Hier werden aus Mäuerchen Sitzbänke, aus Totholz-Zweigen die Widmungen: „Frieda Jung und allen Insterburgern die ohne Grab geblieben sind“ auf der einen Seite, „Frieda Jung und allen Tschernjachowskern die ohne Grab geblieben sind“, auf der anderen. Der Blick gleitet übers Dickicht, man muß umkehren.

Die Bank auf Frieda Jungs errechnetem leeren Grabplatz lädt ein:
Setz dich hin, schau dich um, hier bis du mit Frieda allein, hier sind nur die Insterburg, die Tschernjachowsker und das Genius loci.
Das Genius poesis.

Auf dem Weg zurück sieht der Besucher, daß die Mäuerchen Lücken haben. Durchlässe, durch sie er hinaus kann – dann steht er mitten in „Frieda“. Was davon soll ein Denkzeichen sein? Die Bank, der bunte Weg, die Büsche? – Sie alle sind es und keines davon. 75 Meter der gemeinsamen Erinnerung, mitten vor den Augen und doch versteckt.

Konstruktionsbeschreibung

Wegebelag aus Lärchenhackseln, versickerungsoffen und farbbeständig, günstig und umweltfreundlich. Wird in der Provinz hergestellt. Keine Sand- und Kiesbettung erforderlich: die oberste Bodenschicht entfernt, wird der künftige Weg mit Flies ausgelegt, die Ränder mit Kunststoff-Streifen gesichern und dann in die Farbeimer gegriffen. 528 Quadratmeter in wildester Mischung – das schaffen auch die Kinder.

Die innere Sichtschutzwand, 75 Meter lang, und die äußere, etwa 102 Meter lang, sind ein üblicher Jägerzaun auf Fertigteil-Fundamenten, bei dem die Schrägen mit ungeschälten Ästen aufgedoppelt sind. Weiteres Geäst wird durch die Öffnungen des Zauns hindurchgesteckt, vernagelt und verklammert, und dann nach Entwurf zurechtgesägt. Es entsteht ein etwa 1 Meter tiefes und bis zu 1,5 Meter hohes unregelmäßiges Konstrukt aus hier geschlagenem Holz. Die Ausführung bedarf einer Fachaufsicht.

Rückseitige Pflanzungen: Weißdorn- und/oder Hainbuchenbüsche; ihr Grün wird mit der Zeit das ganze tote Geäst bedecken. Ausführung durch die Gärtner.

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