Geschichtsplatz einmal historisch

Insterburg saniert die Umgegend der Forchestr. Was an und für sich ohne Einwände ist.
Die kleine Grünanlage mit dem Gedenkstein der petrinischen „Großen Botschaft“ weist das Vorhaben als „Geschichtsplatz“ aus. Wobei es ein neuer Platz ist, vor dem Krieg gab es hier nichteinmal den Durchgang zur Reformierten Kirchstraße. Doch warum nicht?
Ein Platz anlegen, darauf die Stadtpläne auslegen und so den Stadtbewohnern und ihren Gästen zur Orientierung verhelfen, in Zeit und im Raum… warum bloß scheint man sich nie gefragt zu haben, was früher einmal an diesem Ort war?

Der Stadtplan von 1889 zeigt hier ein Gebäude mit kleinem Vorgarten entlang der Reitbahnstraße. Hinter dem Haus reicht der Garten bis zur Reformierten Kirchenstraße. Es war die Insterburger Synagoge.

Insterburg war stets eine Stadt vieler Konfessionen. Katholiken und Reformierte waren hier zuhause, Neu- wie Alt-Lutheraner. Ab 1865 gabt es auch eine Synagogalgemeinde, von der allerding nur wenig überliefert ist. Der Gebetsraum soll zweigeschossig gewesen sein mit Empore und faßte bis zu 350 Personen, es gab eine Bibliothek. Wir kennen ihre Rabbiner: Marcus Weinberg (1865-1898), Dr. Max Beermann (1898-1915, ein Schriftsteller), Dr. Isidor Zlocisti (1915-1919), Isaak Rössel (1919-1920), Dr. Siegbert Jitzhak Neufeld (1920-1925, Schriftsteller und Vorsitzender des Ostpreußischen Verbandes der Gesellschaften für das Studium jüdischer Literatur und Geschichte), Dr. Julius Auhapfel (1926-1934, Vorsitzender des Rabbinerverbandes Nordostdeutschlands, 1944 in Auschwitz ermordet). Sie alle stehen auf der Liste der „Menschen, die die Stadt mach[t]en“.
Ihre Synagoge wurde am 9. November 1938 zerstört.

Wir werden die Synagoge niemals wiederherstellen können und auch das ausgelöschte Leben nicht. Sehr wohl aber können wir ein Zeichen setzen, der Erinnerung und der Lebensbejahung: Landschaftsarchitektur scheint hierfür wie prädestiniert. Platz dafür gibt es reichlich, in jeder Sanierungsvariante.

Ohne die nachgepflanzten Bäume anzutasten und den Gedenkstein, ohne mit dem angedachten Pflasterungsmuster zu kollidieren wiederholen wir am einstigen Synagogenstandort ihren Leitsatz: „Mein Haus soll ein Haus des Gebets sein.“
Nicht in Gold, in schlichtem Weiß.
Nicht an der Wand, auf grünem Laub.

 

In der Linie der einstigen Fassade wird ein handelsüblicher weißer Metallgitterzaun aufgestellt: etwa 1 m hoch und 18 m lang. Straßenseitig werden die Buchstaben der Inschrift aufgeschweißt, etwa 80 cm hoch: ,כי ביתי בית־תפלה יקרא לכל־העמים. Direkt hinter dem Zaun wird eine Hecke gepflanzt, 20 m lang. Bald schon wird der Buchsbaum seine Blätter durch die Zaunmaschen stecken und die Buchstaben als ob schwerelos hängen lassen.
Eine Erläuterungstafel wird an der Wand der alten Kreissparkasse Platz finden.
Auf daß der Geschichtsplatz nicht nur deem Namen nach mit Geschichte zun tun bekommt — ganz egal wie die Sanierung ausfällt.

Комментарии

instergod_admin 25.07.2020 в 11:56

So könnte die Erläuterungstafel aussehen:

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