Kopytschina-Lorens (Königsberg) vs. Schinkel (Berlin): wer gewinnt?

Dörfer und Haupstädte, Schlösser und Werkstätten, Bühnen und selbst Zuchthäuser boten seinerzeit Platz für viele Talente des ersten Baumeisters Preußens, Karl-Friedrich Schinkel. Auch Insterburg kam in den Genuß seiner: im nahen Umland setzte er ein Denkmal dem russischen General Barclay-de-Tolly, und zugleich dem königlichen Eisenkunstguß (als es einmal eine Weihnachtspostkarte zierte, war auch diese aus Guß) — auf einem Hügel jenseits der Angerapp baute er mit der Insterburger Strafanstalt die erste Umerziehungs-Strafanstalt Kontinentaleuropas nach pennsylvanischen System (adé Folter und Kerkerei). Es sollte das einzige Gefängnis in seinem œuvre werden und viele Nachahmer finden: strenge Kreuzform, propiläengesäumter Eingang mit Granitpilastern, im Mauerwerk der ordenstypische Diagonalverband und Zinnen, alles im rechten Ebenmaß. Gut für Spandau, Moabit und auch St.Petersburg.

Mittig der Würfel der Amtsstuben, der Küche und der Kirche („A“, heute — 1); im Osten die Einzelzellen für leichte Verbrechen („C“), im Norden für die schweren („B’“, heute abgängig), im Süden schließlich die Frauenabteilung („D“, heute abgängig). Westlich ein Paar von baugleichen Direktor- und Inspektorenwohnhäusern („E“, №14 und „F“, №8), sowie die Wache mit der Toreinfahrt und dem Uhrtürmchen („G“, №17, später erweitert). Ein Kaninettordre erging am 8. Juli 1832, die Einweihung erfolgte in Stufen, 1835, 1836 und 1838.
Bald darauf erfolgten schon die ersten Umplanungen, 1845 gab es einen weiteren Flügel, diesmal mit Gruppenkammern. Alte und neue, sie hatten alle besondere Arbeitssäle aufzuweisen: Arbeit war der Weg zurück in die Gesellschaft! Ob der je gelang, wissen die Fachleute, zumindest wurde später, unter nunmehr sowjetischer Ägide, für die Umerziehung verschiedener Abweichler den Medikamenten der Vorzug gegeben.

Zwei Jahre Vorarbeit, und die Leitung des Spezialkrankenhauses ließ sich für die Errichtung einer Geschichtstafel erwärmen. Ein Platz dafür fand sich im alten Tor im Wachgebäude, für die Durchfahrt inzwischen ohne Verwendung. Im 2012er insterJAHR“-Programm wurden die frei zugänglichen Bauten bereits als Pilotobjekte berücksichtigt. In diesem Stand verweilen sie auch heute, bei den eigentlichen Zellenbauten hingegen war unser Mühen wohl vergebens.

Noch im Jahre 2010 wurde die Genehmigung für den Umbau der Insterburger Anstaltsbauten erteilt, ein Entwurf des königsberger Dr.arch. und lizensierten Denkmalplaners S.M.Kopytschina-Lorens. Heute ist seine Frucht bereits mit bloßem Auge wahrnehmbar. Ob hinnehmbar, steht auf einem anderen Blatt.
Die Anbauten, da dienstlich bedingt, sind am ehesten zu akzeptieren. Schwerer wirds mit dem bemühten Versuch, Altes wie Neues und Neues wie das Alte aussehen zu lassen. Gänzlich unmöglich wird es bei der dicken Schicht Steinwolle, die neuerdings die feinen Schinkelschen Simse, Lisenen und Zahnleisten zudeckt. Darüber die Riemchen, „folgen präzise den ursprünglichen Formen des Bauwerks“ — eine wahrlich gewagte These, und wenn es nur bei dieser einen bliebe! Plastik oder Ebene — einerlei; meterstarke Wand — dämmen wir; doch das Zementgeschmiere für gesetzeskonform halten, weil es angeblich reversibel sei?!

Eine These nicht ohne Witz und nicht ohne Grund: von manchem Bau des Schinkels unserer Tage löst sich der Riemchenmantel bereits ab. Seiner Selbstüberzeugung tut dieses genausowenig Abbruch, wie auch die Schlichtungsversuche der eils einberufenen Komission des Landesdenkmalamtes: waren sie denn so ehrverletzend, die von ihr vorgeschlagenen „archäologischen Fenster“ in seinen neugedeckten Fassaden? Oder lag es an der Güte des königlichen Klinkers, den warmen massiven Wänden und trockenen Kellern, die man aus den Augen schaffen wollte? An der immer noch fortschrittlich zu denkenden Luftheizung oder der Funktionalität, an der man sich nicht messen lassen wollte?..
Fragen über Fragen, und manche von ihnen bereits von den internationalen Schinkelschaft, die ausgerechnet im deutsch-russischen Kulturjahr auf derlei Meldungen mit besonders wachem Auge blicken darf.

Auch vom „insterJAHR“ wird die Angelegenheit aufmerksam weiterverfolgt, und sei es, um von den en original vebliebenen Bauten das gleiche Unheil abzuwenden. Von Kopytschina´schen Büro übrigens auch: kein Planer wird demnach die Initialien Karl-Friedrichs von den Bauplänen abkratzen müssen.
Oder dürfen.

Комментарии

Administrator 17.08.2012 в 12:04

Meldung am 13.08.2012 auf "archi.ru" wiederholt.

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