Quadratur Kasanischen Erbes

Auf Einladung des kasanischen „Roten Schildes“ und der Architektur-und-Bauuniversität, sowie der Zeitschrift „Das Geschäftsviertel“ besuchten die insterJAHR-Beauftragten Alexei Oglesnew und Dimitri Suchin die Stadt Kasan, nahmen an Entwurfswerkstätten, Konferenzen und Beratungen teil. Den unmittelbaren Anlaß dafür gab der internationale Tag der Denkmalpflege (18. April).

Schon vor dem eigentlichen Datum, am 14. April, gingen sechs Entwurfswerkstätten ans Werk, unter dem Titel „Neue Chancen historischer Viertel“ zwei historische Bereiche in der unmittelbaren Nähe des Kasaner Kreml zu bearbeiten, die Kaufmannsreihen und die Mislawskij-Straße. Die Studenten kamen aus Florenz, Jekaterinburg, Kasan und Samara; die Kuratoren waren Professoren Stefano Bertocci und Roberto De Lotto, Dozenten Faina Mubarakschina und Lyaylya Saifullina, Architekten Dimitri Suchin und Tiziano Cattaneo.


(Projektbereich: Peter-und-Paul-Kathedrale, Kaufmannsreihen, Arkaden, Mauern und anderer Stadtschmuck)

Für einen Teil der Studenten waren diese Planwerkstätten dem Einstieg ins „insterJAHR“ gleich, für die anderen waren sie Abschluß letztjähriger Arbeiten (dazu weiter unten). Natalia Topal („Tatarinform“) subsummiert ihre und Kuratoren Sichtweisen: „In fremder Architekten Augen sieht das Stadtzentrum von Kazan als buntes Gemisch aus„… Eine eigenwillige Sicht, eine Wortwahl, die in Zitaten kein Wiederhall findet; ein Titel, in dem die (werdenden) lokalen Architekten gleichsam vom Tisch gefegt werden:

„…das historische Umfeld gilt es zu bewahren, doch zugleich sollten die ausgewiesenen Bereiche für die Anleger attraktiv sein, einen Gewinn abwerfen…
…es liegt an uns, die Umgegend so zu machen, daß die Leute angezogen werden, auch ein die Höfe reinzukommen. Statt bloß von A nach B zu hetzen, sollten sie die Straße lang wandeln, sie als ein Zielpunkt wahrnehmen…
…bloß keinen Schaden anfügen soll das Gebot sein…
…für Stadtentwicklung sind nicht nur einzelne Bauvolumina als Geschichtsdenkmale wertvoll, sondern auch städtische Räume, die Zeichnung ihrer Straßen und Plätze. Die Stadt setzt sich aus einzelnen Episoden zusammen, wie eine gute Geschichte auch, und doch muß die eine wie die andere eine abgerundete Geschichte sein: auf Fügung kommt es an…
Wir bearbeiten nicht nur Einzelmassen, sondern auch Straßenräume und gehen der Frage nach, wie die einen auf die anderen treffen…“

Wo ist hier des Studenten Wort, wo des Lehrmeisters? Ist die obige Trennung nicht künstlich herbeigeredet?

Mehr noch: die zitierten Aussagen, eine Herangehensweise, die nebst einzelnem Objekten seine städtebauliche und soziale Lage berücksichtige, sind in Kazan genauso gültig wie z.B. in Insterburg. Und wenn mann bedenkt, daß Insterburg noch nicht dazu übergegangen ist, seine guten Erfahrungen nach Kazan zu exportieren, bedeute dies, daß alles besagte von den Rednern selbst innigst gefühlt wird. Auch dazu nachher mehr.

Die Hochschulleitung hat sich in löblicher Weise stets für den Fortgang der Arbeit interessiert, und war dabei keineswegs allein: auf Rektor folgte Beraterin des tatarischen Präsidenten, auf die die Stadtführer, dann der stellvertretende Bürgermeister — man wartete auf den Bürgermeister höchstpersönlich, unter dessen Schirmherrschaft der nachmalige Konferenz stattfand, doch er kam nicht. Dies bot den einen Gelegenheit, einen frischen Blick auf die eigenen Häuser zu werfen — oder die eigenen Studenten besser kennenzulernen. Hier wie da lag ein erhebliches Potenzial verborgen.
Erklärung folgte auf Erklärung, die Öffentlichkeit trat gleichsam in die Gelehrtenstube, und erzwang, die Argumente schon vor der Abschußpräsentation zu richten (gegen Lampenfieber half dies allerdings nicht: auch der künftigen Architektenschaft fällt das Reden schwer).

Die Vorstellung der Ergebnisse fand am 19. April statt und wird bald im Netz wiederholt; auf Einweihung studentischer (Diplom-)Arbeiten läßt noch auf sich warten — doch die hochkarätig besetzte Jury legte Wert darauf, allen Entürfen die Durchführbarkeit zu bescheinigen. Dieselbe Sprache hörte man am Rande der Präsentation, vom Nationalmuseum oder vom Rathaus: daß alles sehr sparsam beginne, mit einem Eimerchen Farbe, dem Aufschließen eines dauerverriegelten Tores, oder mit dem beinahe sprichwörtlich gewordenen „Griff zum Brecheisen“ — dann aber ungemein mehr in Gang setze. Vielleicht macht das Überzeugen das Aufbrechen gar entbehrlich?
In ihrer Schlußrede lobte die Präsidialassistentin für Kulturerbe, Frau Olesya Baltusowa, die Arbeiten als „echt angewandt“ an — ein Gegenpol dazu wäre wohl „grundsätzlich“ oder „fundamental“, doch was wäre daran so falsch? Oder ist es etwa nicht von grundlegender Bedeutung, daß hier statt weit hergebrachter Chablone tatsächlich brachliegende Potentiale zum allgebstimmenden Motiv wurden? Wäre es anderes, konnten auch die Ergebnisse kaum so realitätsnah ausfallen!.. Bei der späteren Konferenz der „Großtiere“ der Stadtentwicklung konnte man im Klischeedenken dagegen regelrecht schwimmen — was die Sache um keinen Deut besser machte. Auch dazu weiter mehr.


Die Studenten waren noch in den letzten Zügen, als im großen Vortragssaal am 18. April die 1. Internationale forschungspraktische Konferenz „Geschichtserbe im 21. Jahrhundert: Erhaltung, Nutzung, Förderung“ eingeläutet wurde. Zu allen drei Bereichen hatten die „insterJAHR“-Abgesandten etwas zu sagen.

Zunächst präsentierte Alexei Oglesnew ein Rundumblick der Burgstiftung, „Geschichtserbe als Ressource für Stadtentwicklung“ überschrieben. Der Zuspruch war überwältigend, beim Abschluß der Konferenz trug man am nächsten Tag in den Protokoll ein, „man solle ihn nach Kasan einladen, um Arbeiten an der Geschichte als Ressource zu kuratieren“, „Erfahrung einer erfolgreichen Stadt (Insterburg) seien in einer weniger erfolgreichen Stadt (Kazan) vonnöten“. Die Antwort steht noch aus.

Dimitri Suchin war zweimal hinter dem Rednerpult: das erste Mal ging es um „(Denkmal)Erhaltung zwischen Moral und Technik“, um die Ursprünge und die Gegenwart der Denkmalpflegetheorie und -Praxis, und um die komplexe Wechselbeziehung Pietismus—Technik.

…Was bestimmt, ob die eine oder andere (Umbau)Anforderung an ein Haus zulässig sei? Wo füge man sich den Wünschen von Heute, wo habe die Geschichte Vorzug? Was ist technisch, was moralisch umsetzbar?
Was wahr, was falsch ist uns weder natur-, noch gottgegeben, doch ist uns noch gegenwärtig, welche Formeln den Charten und Gesetzen zugrunde liegen? — ohne diesem Wissen wird ein Gelehrtenstreit zum Papagaiengeschwätz: Restaurieren solle man, weil eine Charta dies so bestelle, Renovieren hingegen sei verboten, da es im Gesetz so sei. Lob und Ehre dem strikten Gesetzesparagraphen, doch liege es nicht etwa auch an ihm, daß unsere Nutzer und Bewohner eine Tiefe Aversion zu allen Denkmälern empfinden? Und erst die Technik: ihr Fortschritt macht es uns möglich, jedes Steinsims, jedes Riemchen und auch fast schon jedes Palais nachzuschneiden — doch kommt dadurch derselbe Fortschritt nicht auch zum Stillstand? Da kann der „klassischen“ Denkmalpflege, mit ihrem Dehioschen Rekonstruktionsverbot und dem Glauben an die Einmaligkeit einer jeden Zeitschicht, geradezu die Rolle einer Fortschrittsretterin zufallen.
Wer, wie in Rußland verbreitet, bei der Denkmalpflegedebatte nur die technische Seite wahrnimmt, vertut die Chance, seiner Stimme Gehör zu verschaffen. Genau das stellen wir auch fest. Darum ist es so dringlich, Technik, Theorie, Moral und Praxis
gleichermaßen zu beherrschen, nur so vermöge man, dem eigenen Werk eine solide Basis zu verschaffen, den rechten Beitrag in die Denkmalpflege der Zeit zu tun…

Tag später, bei einer Fachrunde, war der Ursprung und die Ziele des „insterJAHRes“ Gegenstand der Erörterung.

Andere Redner sprachen über die Theorie der Bauwerkserhaltung im 21. Jahrhundert, von 3D-Scans, von gesetzlichen Regelwerken, der Bulgar-Moschee und der aktuellen Situation in Kazan, vom Holzbauschutz in Riga usw.— alles im allem recht interessant.
Schade nur, daß gerade die am meisten betroffenen Zuhörer stets gezwungen war, zwischen Dozent und Selbstdarstellung zu wählen, denn ihre eigenen, gerade noch fertigzustellenden Projekte waren noch fristgerecht vor Präsentation abzuschließen — und sie war am letzten Tag der Konferenz. Auch die Kuratoren müßten sich in Stücke reißen, im Saal war ein stetes Kommen und Gehen — bei den nachmaligen Konferenzen ware dies unbedingt zu ändern.


„insterJAHR“-Beauftragte mit den vom Rektor, Herrn Raschit Nisamow, überreichten Diplomen.

Bei der großen Ehrrunde konnten unmöglich die Urheber der Konferenz und der Werkstätten ungedacht bleiben, die Architekturstudentinnen, die in der Saision 2011 den Bismarckturm und die „Bunte Reihe“ vermaßen. Ihr Lehrstuhl für Renovierung und Restaurierung wird ein Gruppenportrait aus der Hand von Waldemar Kazak zieren, eines Kunstmalers aus Twer.


Wieder einmal ein Parallellauf: während im Saal das große Reden vor sich hin ging und die Studenten noch zeichneten, ergriffen die Insterburger Kasanreisende die Gelegenheit beim Schopfe, die behutsame Erneuerung der „Bunten Reihe“ anzusprechen. Sie nahm durch den Aufmaß der Kasan-Studenten ihren Anfang, auch der Vorentwurf war aus der gleichen Universität Hand, und wartet nun auf die Erstellung eines allumfassenden Gesamtetwurfes —durch wen wohl? Die Bereitschaft dazu bekundete der Rektor Nisamow bereits am 19. April 2011.

Bei dieser grundsätzlichen Einverständnis galt die Sorge den Umsetzungsfragen: wie sollte z.B. ein qualitativ hochwertiger Einwurf in 1700 km vom Bauplatz entfernt erstellt werden, nur auf die Aufmaße und Bestandsaufnahmen basieren, wie soll die Bauüberwachung sein? Im Gespräch mit dem Lehrstuhlinhaber für Restaurierung und Rekonstruktion, Herrn Rinat Muchitow, wirden sie alle erfolgreich gelöst. Nun wird die Studentenabordnung vom Sommer 2012 um Teilnehmer aus den fachlich betroffenen Nicht-Restaurierungs-Kanzeln erweitert; mit Unterstützung von lokalen und regionalen Fachkollegen werden sie vor Ort die Aufgabe stemmen.

Wenn abgeschlossen (am Erfolg wird aus Erfahrung nicht gezweifelt), werde ihr Entwurf zur Steilvorlage für in Gründung begriffene Lehrwerkstätten.


Alles obige waren Veranstaltungen für den mehr oder weniger weit gefaßten Architekten- und Restauratorenkreis gewesen — es lag dem „Geschäftsviertel“ ob, ein Forum „Die Zukunft der Stadt: ein neues Metropolenformat“ zusammenzurufen, wo Altbaubesitzer der Innenstadt neben den Immobilienentwicklern mit am Tisch saßen, und mit ihnen die Amtsverwaltungen, und selbst die Planerschaft.

Es sollte um die Zukunft der Stadt gehen, mit Meinungsaustausch und Überzeugungsversuchen — leider reichte dafür nicht die Zeit. Dafür kamen die typischen Denkmuster nur allzu deutlich zum Vorschein. Sie werden auch außerhalb Kazans die nämlichen sein, daher lohne es sich, sie kurz zu umreißen.

Es war die „Zukunft der Stadt“, die dem „Roten Schild“ die erste Präsentationsfläche gab, so wäre es auch empfehlenswert, die beiden Veranstaltungen einander anzunähern. Im eigenen Kreis neigen die Entwerfer wie auch Entwickler zu sehr zum Eigenlob („welch hervorragendes Projekt!“) wie zum Selbstmitleid („keiner hört auf uns zu!“)— doch wie aufbrechen, wie den womöglich wohlüberlegten Argumenten zuhören, wenn diese stets hinter höhen Zäunen verkündet? Mitnichten nur den „Ersten Figuren“ im Lande sei ein „ABC der Statdbaukunde“ vonnöten —auch den anderen im Kreise wäre z.B. „Ritorik für Architekten“ oder Schnellkurs in „Niederschwellige Veranstaltungen“ anzuempfehlen.

Der Bedarf ist überdeutlich, ihn zeigten die erdrückende Technikunkenntnis des Staatsrates (an sich verzeichlich, doch nicht wenn sie so staatstragend vorgebracht wird) genauso wie die „Europastile“ der Bauentwickler (statt echtem Westeuropa scheinen sie den Hollywoodstreifen der 1960er entlehnt zu sein), die ausgerechnet jene Staus bewirken, die der verdiente Stadtplaner in tagelanger Knochenarbeit zu entflechten sucht. Ihm wiederum wäre es nützlich, die neuzeitige soziale Mobilität kennenzulernen, die verkehrsfreien Viertel und die Polyzentralität. Erhalt und Erneuerung, wird der Unternehmer erkennen können, sind keineswegs eine Mildtat an der Stadt — Eigentum verpflichtet!
Zumindest, wenn man ein Bürger ist. Dies scheidet ihn vom schutzbefohlenen Untertanen.

Dem folgenden Forum und der folgenden Konferenz wird dies als Aufgabe gereicht. Doch habet Acht: auch in Insterburg wird die Entwicklung weitergehen, auch beim J-Forum wird weiter gefeilt. Wer wird in einem Jahr an wen die „Erfahrung einer erfolgreichen Stadt an eine weniger erfolgreiche Stadt“ ausschütten?


Die ausrichtende Studentenbewegung für den Erhalt der einmaligen (Bau-)Historie Kasans“ versteht sich als Nachfolgerin des Insterburger Vereins für anständige Architektur, als dessen Kasaner Zweig. Jede Verbindung zu den Rothschilds wird hingegen abgestritten.
Mit Dank an das „Rote Schild“, „Tatarinform“ und „Geschäftsviertel“ für die Bereitstelling der Bilder.

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