Ein Beitrag für die Themennummer der „Bauwelt“, „Scharouns Bauten pflegen„
Ein Frühwerk Scharouns ist im russischen Teil des einstigen Ostpreußens, in Tschernjachowsk, dem früheren Insterburg,erhalten. Der Förderverein Kamswyker Kreis bemüht sich seit Jahren um die Bewahrung des Erbes — und hat sich neu aufgestellt.

Ein Student, „schönste Hoffnungen“ weckend, verschwindet aus Berlin. Meldet sich zeichnerisch, postalisch: nach Jugendstil-Bögen strahlen zackige Farbsalven auf und ab, dann zieht unorthodox Waagerechtes ein — schon sehen wir ihn als Professor in Breslau, mit Bauten der „Heldenmoderne“, mit Vorträgen zur „Wesensform“. So oder so ähnlich apostrophiert die gängige Forschung den Werdegang eines Hans Scharoun, seit 1915 im Krieg, 1925 berufen. Doch wie und woran wuchs er?
Ein Student, der dies 1995 wissen wollte, anfangs noch auf der Suche nach einem Rezept zum Nachmachen, reist 2004 nach Breslau, voll Buchwissen-Fragen zur dortigen Akademie, dem Ledigenheim und dem Dienst eines „Farb-Dezernenten“, wie Scharoun einer da war (Scharoun — kein Unterrichtsthema im Hause, was er erbaut). Doch war Breslau kein Ort, um sich zu entfalten: an „menschliche(m) Freimut … mangelt es (hier) noch sehr.“ Also auf zur seiner vorigen Station — nach Insterburg in Ostpreußen.
Einst war ein D-Zug 12 Stunden von Berlin-Stadtbahn hierhin unterwegs, 2004 half nur mehrfaches Umsteigen, im Fußballjahr 2018 soll die Verbindung wiederaufleben — dafür ist der Bahnsteig jetzt noch immer im fast seinerzeitigen Zustand und auf dem Bürgersteig-Granit hallt noch der Schritt des Landwehrmanns von 1915. In einer Stadt mit dem höchsten Altbaubestand Nordostpreußens gebe es sogar Scharouns erste Wohnadresse noch, Schlentherstraße 5 — jetzt Karl-Marx-Straße 8 — und am Stadtrand, Gagarinstraße Ecke Elevatorenstraße steht mit der Siedlung Kamswykus, auch „Bunte Reihe“ genannt, sein erstes eigenes Werk.
Man stelle es sich vor: ganz aus heiterem Himmel steht man vor einem weitestgehend unbekannten Werk seines Lieblingsarchitekten. Keine zweite Philharmonie: 16 Reihenhäuser, zwei Etagenvillen und zwei größere Stadthäuser, dazu Gemüsegärten mit Halbschuppen — aber immerhin das weltzweite Beispiel des “Bunten Bauens”, der „Gläsernen Kette“, die man bei ihm für bautenfrei hielt. Kein ungestümes Formenspiel — aber in Ausnutzung des Sonnenstands, der Bautradition, des kleinen Bugets ein Großer. Der sich nicht einmal versteckt: das Wissen ob der ostpreußischen Bauten war nie geheim, nur nie akademisch erfasst.
Fast unverändert standen sie 2004, von der Keller-Tonröhre bis zum Stromdraht unter den Dachziegeln. Nur eines der Stadthäuser war dahin und bis auf eines alle Schuppen. 19 Bauten, nie saniert; kein Bauplan, kein Aufmaß, Archive entleert, Bauvorgeschichte unbekannt. Ihnen gegenüber Dimitri Suchin, der als einziger von Scharoun hier überhaupt etwas erzählen könnte. Retten? Keine Frage, müsste sein, doch wie? Mit eigener Hand abmessen, abbilden, abdrucken im Wettlauf gegen Verfall und Baumärkte? Da reichen auch zwei Hände nicht.

1915 kam Scharoun in die kriegsplatte Landprovinz: 60.000 Bauten waren hier teilzerstört, 41.400 als „Vollschäden“ irreparabel. Es galt, sie besser und wahrer aufzurichten als das alte Ostpreußen es war, der einst hier heimischen Baukultur treu und zweifelsohne modern: eine Frucht der Kölner Werkbundschau. Hermann Muthesius und Landeskonservator Richard Dethleffsen (ab 1916 Vorstand der neugegründeten ostpreußischen BDA und DWB) wiesen den über 500 meist jungen „Bauanwälten“ den Weg, Friedrich Paul Fischer im Hauptbauberatungsamt bestellte ihre Vorsteher, 24 Bezirksarchitekten. Sie planten und halfen, fach- und provinzübergreifend („Ostpreußenhilfe“); verteidigten ihre Funde und Ideen vor sich selbst („Bauschöffen“) und Kassen („Sparsamkeitserlass“); führten Normfenster, Mobiliar und Bebauungsdichten ein; gründeten Handwerksgenossenschaften, Hilfswerkstätten, Bibliotheken, Modellkammern und Kunstvereine; nahmen die Bürger mit und brachten sie weiter — sie bauten Heimat, weit mehr als bloße 42.368 Wohn- und Wirtschaftsbauten, die bis Ende 1918 da standen. Muthesius sprach gar vom „neuen Deutschland“, geläutet und frei, was von diesen Städten und Höfen ausgehe. Spuren dieses Jahrzehnts finden sich in Scharouns Bauten bis hin zum Lebensende.
Wieder und wieder in der Provinz, mußte man feststellen: kein anderes der 32 scharoun´schen Werke blieb bestehen. Von manchen gab es nicht einmal Fundamente, selbst unter der Erde hob man die alten Steine: nebst Bernstein sind Ziegel Ostpreußens einziger Bodenschatz! So reich, kränkt die Provinz allerdings an der Unmöglichkeit, Bauten zu unterhalten (den Bernstein nehmen die Polen und die Chinesen en bloc). Zuweilen regnet es 50 Jahre durchs Dach — denn Dachziegel gibt es nur vom Abbruch, der „Ostpreußischen Welle“ und „Ostpreußischen Doppeldachs“ kundige Dachdecker sind nirgends aufzutreiben… Auch die allgegenwärtigen Ziegeldecken oder der Ordensverband wuchsen den Maurern zu Rätseln, Gipser sind selten, Kopfsteinpflasterung weiß nur eine einzige Firma auszuführen — provinzweit! Das aufkommende Interesse an ortspassender Bauweise stillt man mit Schaumstoff-Gefachen auf Beton und resigniert: “an echt ostpreußische Qualität reichen wir eh nicht heran.” Hier begann die Geschichte des „Kamswyker Kreises“, gemeinnütziger Verein zu Berlin und Bürgerinitiative zu Insterburg, und des „insterJAHRes“.
Restauratoren einfliegen, auch Planer, geht für einzelne herausragende Bauten, für Königsberger Stadttore etwa, auf dass das Kulturetat gesprengt werde — doch die Zahlen gehen in die Tausende! Für den gemeinen Bauherren, so sehr er auch an seinem Altbau hängt, ist dies nicht machbar in einer Provinz, die vom Wohlstand nicht gerade gezeichnet ist. Außer man schafft aus dem Problem gleich die Lösung, sich am altpreußischen Zopfe aus dem Sumpfe ziehend (Baron Munchausen lässt grüßen, auch er war im russischen Dienst); Bautenrettung kann ein Gegenteil der Geldschleuder sein! “Scharoun retten, auf dass die Allgemeinheit davon gewinnt!” Und wie es scheint, weisen just seine Spuren uns den Weg: Jene Qualitätsmarken, ob von ihm, Frick, Kruchen, Stoffregen, Hoepcken oder vielen anderer mehr bis 1918 gesetzt, führten Russen aus! Kriegsgefangen, unfreiwillig, davor niemals bauerfahren – aber immerhin. Danach ging man auseinander, das 20. Jahrhundert im Blutrausch zu verplempern. In Russland will seitdem kein Haus gerade stehen, in Deutschland hat man das Heimatbauen wieder verlernt. Weil die einen wie die anderen Ostpreußen vergaßen?



So riefen wir 2010 erstmalig ein insterJAHR aus, als Verbund und Koordinator verschiedener Bürgerinitiativen im Felde der Architektur, des Theaters, der Heimatkunde usw.: „Das Bauerbe von Insterburg ist die Entwicklungsquelle von Tschernjachowsk“. Luden Bewohner wie Fachleute und Studenten ein zum neuen Wiederaufbau — Kulturbesitz wird durchs Teilen nur vermehrt! Konferierten zu Berlin, Amsterdam, Moskau und Insterburg über Konstruktionen und Wege ihrer behutsamen Erneuerung, fanden bei den Gesetzen größte Übereinstimmungen, bis hin zu den Klauseln über Denkmalpflegepläne. Erreichten es, daß die Bunte Reihe unter vorläufigen Denkmalschutz gestellt wurde. Halfen, die Eigentümergenossenschaft „Bunte Reihe“ zu gründen als künftige Bauherrschaft; sammelten ihre Bewohnersorgen und -geschichten, fürs Museum und für die Entwürfe. Vermaßen Gebäude und Parks; erforschten die Gewässer. Entwarfen, in Gruppen und aus unterschiedlichen Perspektiven, wie man Gebäude und Anlagen angehen könnte — bis hin zu Meisterarbeiten (TU München, BTU Minsk, GASU Kasan) und dem russlandweit ersten SESAM-Treffen. Stellten aus und erörterten, zu Insterburg, Moskau, Königsberg und Kasan. Bereiteten die Lehrwerkstätten vor, wie es sie 1916 schon gab. Darin, das ortstypische aber altvergessene Handwerk vermittelt, sollte die probeweise Umsetzung jener Entwürfe an einem der Siedlungshäuser starten, den neuen Lehrlingen und Studenten die Basis für wiederum ihre Studien und Vergleiche an den Typenhäusern nebenan. Und wandert diese Musterbaustelle einmal nach der nächsten Straße der in die Nachbarstadt, ruht die Bunte Reihe trotzdem nicht: eine Dauer-Bauausstellung sollte sie werden mit Vorträgen und Schulungen, mit Nachbarschaftstreff und Genossenschaftsbüro, mit Künstlerresidenz usw. — ein „Offenes Zimmer“ eben. So könnte in der Inselprovinz eine Entwicklung beginnen, von Großpolitik in fernen Hauptstädten unabhängig. Begann aber nicht, strandete 2012 am Tourismus: Nordostpreußens süßer Traum sind die Busladungen voll Naturliebhabern, Philosophen und Fußballfans, die vom EM-Stadion die Kurische Nehrung ansteuern und das rund 150 km entfernte Insterburg, der Burgruinen wegen und des Kants Vorratskellers in Judtschen. Gesichtet wurden sie zwar noch nie, aber rein statistisch muss es sie doch irgendwo geben?! Oder, um es mit den Wörtern Moskauer „Progressoren“ zu sagen: „Dröge und träge sei die Bauerei, feiern wir stattdessen ein Karneval!“ Dann kämen die Gäste, mit ihnen die Gelder — „und seien den Deutschen jene Schinkel-Scharouns denn wirklich so teuer, bringen sie sich auch ohne uns dafür ein.“ Die Sommerklassen abbrechend, tanzte und trommelte man ausgiebig — auf leeren Straßen. Die Zusagen, Entworfenes aus Gouverneurs-Sonderfornds anzuschieben, gingen verloren. Auch des Schinkels einzigartige Insterburger Strafanstalt verloren wir in jenem Jahr, auch wegen des Schweigens der Berliner und anderweitiger Schinkelfreunde. Wir mussten uns neu sammeln.


Kommt man 2016 in die Elevatorenstraße, sieht sie fast wie 2004 aus, nur dass das Fensterholz dem PVC wich: Hoffnungsscherben liegen selten sichtbar auf der Straße. Sommerklassen gibt es keine mehr und auch keine Touristenscharen, nicht einmal die Moskauer sind da, um den Platz für sich zu reklamieren. Meister- und Professoren, aus dem Verbund ausgeschert, kamen mit ihren Arbeiten genauso wenig durch wie verstohlene Nachfolgerin unserer Anfangs-Konferenz. Für das Ausbleiben der Denkmal-Lehrwerkstatt wurde sogar die LDA-Leiterin abgesetzt, das Görlitzer Zentrum, was uns die Lehrinhalte gab, wickelt man ab, und nur die Liste vermeidbarer Verluste steigt und steigt und steigt.
Der Kamswyker Kreis fing wieder von klein an. Die Stadt hielt uns die Stange. Seit 2014 steht die Siedlung auf der „7 most endangered“-Liste von EuropaNostra; man hört, sie könne gar ein „Bundesdenkmal“ werden – wir arbeiten daran. Bei den Anhörungen mit EIB-Experten wurde unser Rettungs- und Arbeitskonzept aus dem „insterJAHR“ im Großen wie im Kleinen hoch gelobt, insbesondere der Nachhaltigkeit und geringen Kosten wegen. Neue Kooperationen gibt es, z.B. mit der Moskauer Architekturschule MARCH, auch neue Diplomarbeiten und immer wieder Nachfragen ob der Sommerklassen. Neue Projekte keimen: „Menschen machen die Stadt“, die einfachen stadtprägenden Menschen aus allen Stadtepochen ehrend, oder die „2. Patenschaft“ für die geschundene und doch so aufschlußreiche Provinz. Die landesweit erste Scharoun-Ausstellung bereiste inzwischen Moskau, Königsberg, Minsk und St. Petersburg, weitere Städte folgen. Ehemalige „insterJAHR“-Studenten erstellen einen Entwurf für das „Offene Zimmer“ — wird gerade mit den Bewohnern erläutert. Doch sind Touristen uns auch heute noch kein erstes Ziel. Unser sind Planer, Bewohner und ihre Häuser, die einmalige Gelegenheit, uns an ihnen zu schulen. Denn „tüchtige Bürger machen erst einen tüchtigen Staat, nicht umgekehrt“ — so steht es zu Insterburg auf dem Sockel des einstigen Schulze-Delitzsch-Denkmals. Und nebenan: „Was Du nicht alleine vermagst, dazu verbinde Dich mit Anderen, die das Gleiche wollen.“ 2021 wird die Siedlung 100, da müssen wir was vorzuzeigen haben.