Am 2. September-Wochenende feiert ganz Europa (West) den Tag des offenen Denkmals: Häuser, Parks und Anlagen öffnen dem Bürger ihre sonst verschlossene Türen, stellen Tafeln auf, zum Erläutern und zum Verköstigen. Das Berliner Atelier von Hans Scharoun erfreute sich in diesem Jahr den besonderen Zuspruchs, an seiner Philharmonie auf dem Kulturforum stand die „längste Tafel Berlins“.
Rußland begeht am 18. April den Tag des Denkmals: anderes Datum, ähnliche Aktionen. Moskau macht einen ganzen Denkmalmonat daraus.
Auch Insterburg dachte sich diesjährig etwas aus: im Zuge der laufenden Sanierung der Scharoun´schen Bunten Reihe wurden pünktlich zum 12.-13. September zwei gut erhaltene Hauseingangstüren aus 1921 dem Müll übergeben.



Neue Türblätter, gestalterisch vage an ihre Vorgänger angelehnt, übernahmen den Dienst: Glaseinsätze etwas gröber, knallig-einheitlich in Farbe — dafür aber, der Sicherheitsparagraphen wegen, mit Metalleinlage und Zahlenschloß. Da Flüchttüre, nach Außen schlagend.



Die Nachbarn alarmierten uns. Wir, die Ämter.
Bereits am Montag trat das Landesdenkmalamt an die Presse: nicht davon war am Denkmal von gesamtstaatlicher Bedeutung genehmigt worden, nichteinmal eine Bauberatung fand statt. Waren die Türen wirklich verschlissen und nicht zu reparieren? Immerhin seien sie und ihre Artgenossen eine Art Erkennungsmarke der Region geworden. Nur in begründeten Ausnahmefällen dürfen sie gegen getreue Kopien ausgetauscht werden, so das Amt. Es drohen Folgen.
Die provinzielle Sanierungsstiftung als Bauherr versprach Aufklärung, wies aber zugleich darauf hin, daß das vor wenigen Jahren so gefeierte Türsanierungsprogramm inzwischen ausgelaufen sei.
Von der beauftragten Baufirma war keine Stellungnahme zu erhalten.
Die originalen Türblätter sind inzwischen gesichert worden: eine farbarchäologische Untersuchung erwartet sie. Wir haben jeden Grund anzunehmen, daß auch hier die Glaseinsätze früher Sprossen hatten, wie sie an den Nachbarstüren erhalten sind, und daß die Bemalung keine durchgehende war, sondern farblich akzentuiert
(siehe unsere Schals).
Die Ersatztüren müssen, der einhelliger Experten- und Laienmeinung nach, wieder in die Werkstatt zurück.
Sicherheit, Komfort und Historie schließen sich keineswegs aus: die Grundthesen des Denkmaltages sind grenzenüberschreitend gleich.
Sie gelten übrigens auch an allen anderen Tagen des Jahres.