Über den Betonsilo am Insterburger Hafenbecken reiht sich so mancher Gerücht: „Leitturm“ und „Stellwerk“ soll er gewesen seiun. Solche Bauten gibt es wirklich, doch bei uns? An einem gerade errichteten schnurgeradem Kanal und seinem einzigen Anleger? Die Augenzeugen fehlen, um uns aufzuklären. So stiegen am 21. Oktober 2026 die Forscher des Kamswyker Kreises der Sache aufs Dach.
Die Quellen sind handverlesen wenige – doch sie besagen eindeutig: ein Leitturm oder ein Stellwerk war der Turm nicht. Ein Mischwerk des städtischen Kohlelagers dagegen schon. Doch was braucht so ein Lager für ein Turm?

Die Stadt Insterburg entstand an der weitesten schiffbaren Stelle des Pregels. Was den Fluß weiter hinauf stand, galt als „Preußische Wildnis“. Doch den Bäumen wurde mit der Zeit die Axt an die Wurzeln gelegt, der Wasserpegel sank dramatisch und schwankte vom Jahr zu Jahr. Die einstige Ausfuhr von 30000 Tonnen Getreide sank bis auf Null. Die Schleuse von Groß-Bubainen war kaum von Abhilfe: zwar hebte sie das Niveau, flutete aber zugleich die Wiesen und verschlang bei jedem Schleusenvorgang Unmengen Wasser. Eine bessere Lösung mußte her.
Bis 1911 lag ein Vorentwurf einer ganzen Schleusenfolge vor, in Woynothen, Norkitten, Schwägerau und Gaitzuhnen, mit Flußlauf-Begradigungen und einem vier Kilometer langem Kanal bis Insterburg-Althof. Der Bau begann 1921-1924, und im September 1926 dürfte die Schiffahrt Königsberg-Insterburg wieder aufgenommen werden.

Der Bürgermeister-Bericht von 1925 spricht explizit von der Verteiler-Rolle des neuen Güterhafens, lädt die Gewerbetreibenden dazu ein, sich hier niederzulassen. Folglich sind auch keine anderen als Finow-Kähne im Hafenbecken eingezeichnet. Gepflasterte Straßen seien bereits angelegt und eine Dreischienen-Bahn mit Anschluß an das IKB- und das Reichsbahn-Netz. Die Kaimauer ist nur an der Südseite eingezeichnet, ihr Nord-Pendant kam später. Auf die Krangleise verzcihtet das Schema völlig.
Vorgesehen war die Ausfuhr von Mehl und Getreide, Kartoffeln und Klee, sowie Holz; empfangen wollte man Baumaterialien, Düngemittel und Kohlen, summarisch um die 260000 Tonnen jährlich.
Der Entwerfer des Lagerschuppens war Heinrich Westphal – doch wer entwarf das „kleinere Soli“ aus demselben Bericht? Und vor allem, wozu?



Die Bauweise hilft, den Autorenkreis einzuengen: 1926 war Stahlbetonbau noch ein Experiment, an den sich nicht jeder wagte. Doch zu Königsberg saß eine Filiale der Frankfurter Wayß und Freytag AG, bekannt duch einige Kohlentürme des Ruhrgebiets und auch das Wasserwerk in Groß Wohnsdorf. Da liegt die Vermutung nahe…
Die Kohlen wurden mit den Kähnen ans Nordufer gebracht, welches solchen schmutzigen Gütern vorbehalten war, mit dem Kran entladen und sortiert. Per Seilbahn (Widerlager und Teile der Leitbahnen noch erhalten) ging es dann an die entsprechenden Kohlenbunker. Die Ausgabe erfolgte mit dem Schwerkraft-Prinzip und war wahrscheinlich ferngesteuert. Für Wartungzwecke war eine Außenleiter vorgesehen.
Konstruktions- und Betriebsschema:
3.OG: Motor, obere Umlenkrolle, Einfüllöffnungen der oberen Bunker
2.OG: Ausgabe-Klappen
1.OG: Rohr zum Ausgabe-Trichter, Einfüll-Öffnung des unteren Bunkers
EG: Durchfahrt, Ausgabe-Klappe, untere Umlenkrolle (nicht dargestellt)

Auch heute noch werden Kohlentürme errichtet, zu Ostpreußen stehen offensichtlich keine mehr. Auch andernorts sind sie selten geworden. Doch zu Essen steht eine ganze Anlage, derer „Zollverein“ schaffte es sogar auf die Weltkulturerbe-Liste von UNESCO. Was uns was zu denken gibt.
Der Weitsicht der damaligen Planer, die weit höhere Wandungsstärken nahmen, als die Rechenformeln es eigentlich verlangten, verdanken wir die Möglichkeit, uns heute dem Turm zu widmen und solche Fragen stellen zu dürfen. Den letzten Hafenarbeitern der 1990er sei ebenso gedankt: sie vermauerten was sie konnten. Doch einen ordertlichen Unterhalt ersetzt dies alles nicht: wir wollen doch nicht dem Beispiel des Bismarck-Turmes folgen, dessen Krone vor ein Paar Jahren so spektakulär eingestürzt?
Die Forschungen gehen weiter.
Der Stadtverwaltung sei für die Unterstützung und Bereitstellung der Hebebühne gedankt.







